Die Idee
Der Beginn einer Ausbildung zum Pastoralreferenten in einer Seelsorgeeinheit ist vor allem durch das Kennenlernen der Leute, des Sozialraums und der Zusammenhänge geprägt. Die Hospitationsphase ist eine bewusste Zeit des Auskundschaftens: „Wie tickt die und der?“ „Was geht hier im Hochschwarzwald ab?“ „Wozu ist Kirche hier da?“
Gerade die berichtete Parkbankerfahrung, die zwei Gespräche mit den unzufriedenen Frauen und die Tatsache, dass eine andere religiöse Gruppierung mit ihrer Botschaft am Ufer des Titisees wirbt, haben Unzufriedenheit im Pastoralassistenten ausgelöst. Die Beobachtungen und die Erfahrungen der Frauen werden zur Quelle von Inspiration. Könnten diese Erfahrungen nicht eine Gelegenheit bieten pastoral kreativ etwas auszuprobieren? Ja, liegt in den Erfahrungen nicht sogar eine Chance für das Evangelium?
Der Pastoralassistent entschloss sich, an der Unzufriedenheit dranzubleiben und weitere Leute und Gruppierungen kennenzulernen. An einem Mittwoch ist es dann passiert: Auf einem Dachboden einer Kirche sah er eine verstaubte Kirchenbank. Wahnsinn, dachte er, die Bank kann doch so viele Geschichten erzählen, von Freude über Nachwuchs in der Familie, von Festtagsfreuden einer Hochzeit bis hin zu Tränen in Trauerfeiern. Diese Bank wollte er nicht dem Dachboden überlassen.
Er dachte sich vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Hospitationszeit und der Botschaft, die für ihn in dieser Kirchenbank stecken, eine Projektidee aus, von der er behaupten kann: Erstens stehen ihm einige Mittel zur Verfügung (Kirchenbank, Arbeitszeit, Gesprächsführungskompetenzen). Zweitens versteht er seine Ausbildungszeit als pastorales Experimentierfeld, indem er kleinschrittig vorgehen kann und keine übergroßen Erwartungen setzt. Wenn etwas scheitert, war es eine Erfahrung wert. Drittens ist er offen für Irritationen, Inspirationen und Partnerschaften jeglicher Art.[1]
Ihm war sehr schnell klar: Viele seiner beruflichen Tätigkeiten spielen sich im Büro ab. Ein Büro kann zwar schön sein, aber draußen spielt sich das Leben ab. Draußen und hier, im Park, auf dem Markt, auf dem Campingplatz und an vielen anderen Plätzen rechnet er damit, dass Gott es gut mit den Leuten und ihm meint. Da es viele interessante Kontexte gibt, an denen Leute unterwegs sind, musste er mobil werden: Eine „mobile Kirchenbank“ bietet die Möglichkeit mit ihm oder jemand anderem über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist ihm seine Gesprächshaltung: Die Gesprächsthemen bringen die Leute mit und führen in gewisser Weise auch das Gespräch selbst.[2] Der Pastoralassistent versteht sich als Zuhörer und Impulsgeber im Gesprächsverlauf.[3] An verschiedensten Plätzen der Seelsorgeeinheit soll die „mobile Kirchenbank“ aufgestellt werden. Zunächst einmal wöchentlich für zwei bis drei Stunden. Je nach Ort und Gegebenheit gibt es Möglichkeit zum Gespräch oder es soll eine Aktion geben.[4] Die „mobile Kirchenbank“ soll eine tatsächliche mobile Kirchenbank sein, die von einem Schreiner so bearbeitet wird, dass diese in wenigen Teilen transportabel wird. Die Rücklehne der Kirchenbank soll ein Whiteboard sein, um das Anbringen eines Logos bzw. eines Zitates als Kommunikationsfläche zu ermöglichen. Zur besseren Sichtbarmachung der mobilen Kirchenbank wird noch an eine Beachflag oder einen Kundenaufsteller gedacht. Zur Frage der Finanzierung des Projektes suchte er Kontakt zum Erzbischöflichen Seelsorgeamt und stellte einen Antrag zur Förderung einer pastoralen Innovation. Dieser wurde sehr rasch bewilligt, sodass ein Großteil des Budgets aus dem Innovationsfonds stammt.
Wichtige Partnerschaften bestehen zu den Kommunen, zur Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG) und Kommunikatoren (andere Kirchen, Poststellen, Caritasverband, Kindergarten, …) im Gebiet der Seelsorgeeinheit. Darüber hinaus sind das Erzbischöfliche Seelsorgeamt und die Kommunikationsabteilung im Erzbischöflichen Ordinariat im Blick.
Das Projekt erhielt den Namen „Draußen. Hier. – Die mobile Kirchenbank“. Gerade im Namen sowie im Logo soll die Dynamik der Bewegung und Überkreuzung der Wege verschiedener Leute deutlich werden.[5] Das Markenbild erhielt den Beisatz „Ihre Geschichte hat auf dieser Kirchenbank einen Platz.“
Hypothesengeleitet führte der Pastoralassistent das Innovationsprojekt weiter. Eine Grundfrage kam schnell in den Blick: Schreit jemand hurra und setzt sich auf die Kirchenbank? Offensichtlich gibt es eine Nachfrage nach Gesprächsangeboten mit SeelsorgerInnen. Angebote hierfür gibt es eher spärlich oder sie sind verbunden mit hohen Hindernissen und wirken wenig einladend: Sprechstunden nach telefonischer Vereinbarung oder einer Überwindung zum Einzutreten in kirchliche Räumlichkeiten, z.B. ein Pfarrbüro oder eine Sakristei.
Die Zeit der Ausbildung zum Pastoralreferenten und die ersten Erfahrungen in der Seelsorgeeinheit waren gute Gelegenheiten, dieses Projekt anzugehen und es auszuprobieren.
[1] Vgl. Kapitel 3.1.: Die vier Effectuation Prinzipien.
[2] Vgl. hier auch die drei Grundhaltungen des personenzentrierten Ansatzes in der Gesprächsführung nach Carl Rogers wie diese in der Ausbildung zum Pastoralreferenten kennengelernt wurden. In: Rogers, Carl R.; Rosenberg, Rachel L.: Die Person als Mittelpunkt der Wirklichkeit.
[3] Gerade das Zuhören soll im Mittelpunkt stehen. Das schließt aber gerade nicht aus, dass auch beraten, getröstet und das Evangelium verkündet werden kann.
[4] Beide Möglichkeiten lassen sich wie folgt unterscheiden: In der einen Variante gibt es die Möglichkeit ein Gespräch mit dem Pastoralassistenten zu führen. Er sitzt auf der Bank und wartet, was passieren wird. Bei Variante 2 geht er gezielt auf die Menschen zu und gibt ihnen kleinere Impulse zum Weiterdenken.
[5] Zum Projektnamen und dem Logo werden gesondert kritische Überlegungen in Kapitel 6.3.These 5 erörtert.



